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 Dem Tiger auf der Spur – eine Suche nach den letzten ihrer Art

- Reise durch Indiens Nationalparks im November 2009 -

Fotos zu diesem Reisebericht findet man hier

 

 >> Wer einmal nicht nur mit den Augen, sondern mit der Seele in Indien gewesen ist,
 dem bleibt es ein Heimwehland. <<

 Hermann Hesse

 

 Das Zitat von Hermann Hesse beschreibt sehr gut, welche Spur die Reise nach Indien bei uns hinterlassen hat. Als wir uns für dieses Ziel entschieden haben, hörten wir von unterschiedlichen Seiten Kommentare, wie z.B.: da war ich auch schon, nie wieder Indien, ein schmutziges Land, soviel Armut, überall die Bettler, der ganze Dreck usw...

Diese Bemerkungen haben wir zwar zur Kenntnis genommen, aber ganz schnell wieder aus unseren Köpfen verbannt. Lieber behalten wir uns beim Reisen eine offene Einstellung, wir wollen selbst erspüren, wie ein Land ist und versuchen ohne Vorurteile zu reisen.

 Nachdem wir wieder zurück waren, habe ich in einem Internetforum folgende Postings zu einem recht negativen Indienbericht entdeckt:

* * *

 „Indien liebt man, wenn man verstanden hat, dieses Land zu sehen, aber nicht zu bewerten. Vor allem nicht mit unseren “europäischen Augen”. Man muss dieses Land auch nicht verstehen, aber man muss akzeptieren, dass die Dinge dort sind, wie sie sind.“

 „Viele Indienbeiträge lesen sich für mich wie von verwöhnten europäischen Touristen, die sich nicht damit auseinandergesetzt haben, wohin sie da reisen. Neugier, Offenheit und auch Gelassenheit gehören zu einer Indien-Reise und wenn man hinschaut, ohne zu bewerten, dann nimmt man viele Erkenntnisse fürs Leben mit aus diesem Land.“

 „Ich finde Indien absolut faszinierend. Es ist so anders als das was wir hier kennen. Es ist einfach und doch sind viele dort glücklicher als wir hier. Mir wird dann klar, wie verwöhnt wir hier doch sind und wie dankbar ich für mein Leben sein kann.“

* * *

 Diesen Statements kann ich nur zu stimmen! Wir haben Indien als ein Land im Aufbruch erlebt, ein Land zwischen Vergangenheit und Moderne, gleichzeitig als ein sehr heiliges, spirituelles Land, das noch Plätze voller Kraft und Frieden hat, sowie eine traumhafte Natur und artenreiche Tierwelt. Die indische Bevölkerung ist unglaublich freundlich und offen gegenüber dem Fremden, sie wirkt trotz der nicht zu verleugnenden Armut tatsächlich um ein vielfaches glücklicher als der durchschnittliche Mitteleuropäer. Selbstverständlich nimmt man als Reisender immer nur einen kleinen Ausschnitt wahr, erst recht bei einem so großen Land wie Indien. Wenn man aber offen, vorurteilsfrei und mit allen Sinnen reist, bereit ist, die Energie eines Landes aufzunehmen und Gesehenes nicht zu bewerten, kann man viel mehr mit nach Hause nehmen, als die bloßen Reiseeindrücke. Große Armut ist in Indien, genauso wie in anderen Entwicklungsländern, ein allgegenwärtiges Bild. Wer das nicht ansehen kann, verschließt die Augen vor den Tatsachen, die auf unserer Erde herrschen und sollte vielleicht besser zu Hause bleiben. Das Überstülpenwollen westlicher Maßstabe, das so viele Touristen gerne machen, zielt in meinen Augen vollkommen an dem, was Reisen eigentlich bewirken soll, vorbei. Das Fremde kennen lernen, in sich aufnehmen und wirken lassen, den Horizont erweitern, das alles kann ich nur erleben, wenn ich meine westlich geprägte Sichtweise bei Seite stelle und mich voll und ganz auf ein Land – mit all seinen positiven und negativen Seiten - einlasse.

 Vielleicht haben wir auch die gute Wahl getroffen, nur zu zweit mit einem Führer abseits ausgetretener Touristenpfade zu reisen. Unsere Route führte uns fast nur durch ländliche Gegenden und kleine Städte, und selbst über die beiden Tage, an denen wir die Sehenswürdigkeiten in Delhi und Agra besichtigt haben, oder über die Fahrt in einem Nachtzug auf engstem Raum unter lauter Einheimischen, können wir nur Positives berichten.

Unsere Hauptanliegen bei dieser Reise war aber, den Königstiger (auch Bengaltiger oder indischer Tiger) zu finden, der, wie soviele andere, zu den bedrohten Tierarten unserer Erde gehört. Laut Wildlife Institut of India soll es nach Zählungen, auf Grundlage automatischer Kameras, nur noch 1300-1500 Tiere geben.

 

 1. / 2. Tag - Flug nach Delhi - Besichtigung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten

Reisebeginn ist der 17.11.2009. Nachmittags um 16.15 Uhr werden wir vom Flughafentaxi zu Hause abgeholt und zum Flughafen nach München gebracht. Der Nachtflug nach Delhi (Nonstop, ca. 8 Std.) startet mit leichter Verspätung gegen 20.00 Uhr, verläuft bis auf ein paar kleine Turbulenzen reibungslos und wir schaffen es sogar ein paar Stunden zu schlafen. Kurz vor 6.00 Uhr - die Zeitumstellung von 4,5 Stunden schon eingerechnet - werden wir zum Frühstück geweckt. Zu Hause ist es demnach erst 1.30 Uhr – die Zeit, in der wir uns normalerweise im absoluten Tiefschlaf befinden. Entsprechend verschlafen sind wir, als die Stewardess das Frühstück serviert. Gegen 8.00 Uhr landen wir in Delhi und warten recht lange auf unser Gepäck. Das Anstellen am Geldwechselschalter nimmt noch einige Zeit in Anspruch, so dass wir froh sind, als wir uns endlich im Auto und auf dem Weg ins Hotel befinden. Ich muss mich bemühen, nicht auf der Stelle wieder einzuschlafen und Roland kämpft mit Übelkeit - er hat vergessen seine Reisetabletten zu nehmen. Für derartige menschliche Schwächen haben wir jetzt eigentlich gar keine Zeit und an Ausruhen ist nicht zu denken, denn nach einer kurzen Pause in unserer Unterkunft steht die Besichtigung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Delhis auf dem Programm.

 Eine Stadtführerin holt uns ab, sie stellt sich mit dem äußerst unindischen Namen Wilhelmina vor und will mit uns als erstes zum Humayun-Mausoleum fahren. Die Autofahrt durch Delhi allein ist schon ein besonderes Erlebnis. Wir staunen ungläubig wie viele Menschen hier unterwegs sind. Wir wissen, dass Indien das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde ist, aber diesen Verkehr und die Menschenmassen zu erleben, ist etwas ganz anderes als die trockenen Zahlen von 1,2 Milliarden Menschen in Indien und schlappen 12 Mio. (bzw. 18,4 Mio. in der Metropolregion) in Delhi, in irgendeinem Buch zu lesen. Die Straßen sind voller Autos, Mopeds, Fahrradrikschas, Ochsenkarren, Motorrikschas, Kühe, Hunde und Fußgänger. Hupen ist Pflicht und dient der Verständigung. Auffällig finden wir, dass hier keinerlei Aggression spürbar ist, scheinbar weiß jeder was zu tun ist und man arrangiert sich untereinander, auch mit den zahlreichen Tieren, die auf den Straßen unterwegs sind. Überall in Indien ist es üblich, dass Kühe, Hunde und Ziegen tief schlafend auf der Strasse liegen und sorgsam von den Verkehrsteilnehmern umfahren werden - entsprechend entspannt und zufrieden wirken die Tiere auch. Welch schöner religiöser Inhalt, wenn alle Lebewesen als Geschöpfe Gottes gesehen werden und auch als solche behandelt werden.

Wir haben uns durch den Verkehr von Delhi gequält und sind nun am Grabmal des Mogul-Herrschers Humayun angelangt, das 1565 im Auftrag seiner Frau Bega Begum erbaut wurde. Es besteht aus rotem Sandstein, in den Marmor und Steinmetzarbeiten eingesetzt sind. Wilhelmina rät uns das schöne Gebäude genau anzusehen, falls wir auch nach Agra fahren, um das Taj Mahal zu besichtigen, das Humayun-Mausoleum sei nämlich das Vorbild für den Bau des bekanntesten indischen Bauwerks gewesen. Wir schlendern durch die schönen Gärten, die das Grabmal umgeben und genießen den Frieden und die Ruhe, die der Ort ausstrahlt. Diese Gärten bestätigen die Aussage unserer Stadtführerin, dass Dehli zu einer der grünsten Metropolen der Welt zählt. Schon auf der Fahrt hierher konnten wir weite Alleen mit unterschiedlichen, sehr alten und mächtigen Bäumen bewundern. Auf dem Gelände dieser riesigen Grabanlage sind erstaunlich wenig Menschen unterwegs, nur die niedlichen, quirligen Palmenhörnchen, die zuhauf die Bäume und Wege bevölkern, leisten uns Gesellschaft.

 Unser nächstes Ziel ist der Quatab-Minar-Komplex. Es ist der Ort, an dem das historisch Dehli seinen Anfang nahm. Hier steht die erste Moschee des Landes, für deren Bau kostbare Steine von Hindu- und Jain-Tempeln verwendet wurden. Die Gupta-Eisensäule mit Sanskrit-Inschriften stammt aus dem 4. – 5. Jahrhundert. Noch beeindruckender aber finden wir den fünfstöckigen Quatab Minar, ein Turm mit unzähligen feinen Gravuren und Ornamenten. Auf dem Gelände dieser Sehenswürdigkeit ist eine Menge los, allerdings sehen wir hauptsächlich indische Touristen. Inder scheinen gern im eigenen Land umher zu fahren, um sich die Sehenswürdigkeiten anzusehen, das Reisen ist aber wohl eher den oberen Schichten vorbehalten. Eine Jungenschulklasse ist heute auf Schulausflug, sie lachen und feixen und wollen gerne gefilmt und fotografiert werden. Als wir wieder zum Auto gehen, werden wir von einer Horde junger Mädels angesprochen: wie wir heißen, wollen sie wissen, ob wir Hindi sprechen und ob uns Indien gefällt. Bezüglich unserer Hindi-Kenntnisse müssen wir sie leider enttäuschen, aber die Offenheit und Kontaktfreude der indischen Bevölkerung, von denen wir schon im Vorfeld gelesen haben, zeigen sich als bestätigt. Auf der Rückfahrt zum Hotel sehen wir uns noch den Lotus-Tempel (Baha’i-Tempel) an, ein modernes Gebäude in Form einer sich entfaltenden Lotusblüte, das mit dem Opernhaus in Sydney verglichen wird. Zum Schluss besuchen wir noch Raisina Hill, das Regierungsviertel und Herzstück New Delhis, und das politische Zentrum Indiens. Wir staunen über die breiten, prachtvollen Straßen, wäre die Architektur der Gebäude eine andere, könnte man meinen, man wäre in Paris. Als uns Wilhelmina nach der Stadtrundfahrt zurück zum Hotel bringt, sind wir froh, dass wir nun endlich Zeit haben ein wenig zu schlafen.

 Abends essen wir zum ersten Mal typisch indisch. Da wir nicht wissen, welche Gerichte sich hinter den Namen auf der Speisekarte verbergen, bestellen wir auf gut Glück. Wir sind angenehm überrascht von unserer Wahl und freuen uns schließlich sehr auf unser Bett – morgen müssen wir früh raus, unser Flug nach Jabalpur geht um 7.40 Uhr, d.h. der Wecker klingelt um 4.30 Uhr.

 

3. Tag - Flug nach Jabalpur - Fluss Narmada - Fahrt zum Kanha-Nationalpark

 Nach einem kurzen Frühstück werden wir um 5.30 Uhr von einem Taxi abgeholt, das uns durch das gerade erwachende Delhi zum nationalen Flughafen bringen soll. Die Stadt macht im Vergleich zum letzten Nachmittag einen beschaulichen Eindruck, in ein paar Stunden aber wird wohl die gleiche Betriebsamkeit, wie sie jeden Tag in einer Millionenmetropole herrscht, zu erleben sein. Am Flughafen haben wir genügend Zeit, uns umzusehen und die Menschen zu beobachten. Im Buchladen schaue ich mir lustige indische Kinderbücher an, die die lokalen Sitten und Gebräuche und Indiens Tierwelt zum Inhalt haben. Außerdem entdecke ich einen Reiseführer über Deutschland und finde es sehr interessant, wie unser Land für andere Nationen als Reiseziel dargestellt wird.

 Das Flugzeug nach Jabalpur ist eine kleinere Maschine der Kingfisher Airlines (kingfisher = Eisvogel). Eine Reihe schräg vor uns sitzt ein irgendwie beeindruckender Mann mit langem Haar, weißem Gewand und rotem Punkt auf der Stirn. Er hat drei junge Frauen als Begleiterinnen dabei, und wir staunen nicht schlecht, als eine davon ihm das Sandwich, das man während des Fluges bekommt, aus der Zellophantüte packt und ihn während des gesamten Fluges umhegt und bedient. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier um einen Guru handeln könnte. Als wir nach der Landung in die Empfangshalle des kleinen Flughafens treten, läuft der heilige Mann mit seiner Gefolgschaft ein paar Schritte vor uns. Hinter einer Absperrung wartet eine große Menschenmenge, sie jubeln und schreien, als er sich in die Masse begibt. Sprechchöre erklingen, Blüten werden in die Luft geworfen und der Swami wird mit orangefarbenen Blumenkränzen geschmückt, während eine seiner Begleiterinnen die Szene mit einer Fernsehkamera filmt. Man spürt, dass die Freude der Menschen über seinen Besuch überaus groß und unverfälscht ist. Als er sich gemeinsam mit der Menge hinaus bewegt, ertönt von draußen schon ein kleines Orchester, das zu seinen Ehren spielt. Am Ende unsere Reise haben wir herausgefunden, dass das Swami Harichayneyia Puri Mahraj war, ein landesweit bekannter Gelehrter.

Vor lauter „Gurugucken“ haben wir beinahe vergessen, dass wir hier ja mit dem Guide verabredet sind, der uns die nächsten 2 Wochen begleiten soll. Einen Moment später werden wir schon von einem kleinen, etwa 40-jährigen Inder in Safarikleidung angesprochen. Uns zu erkennen war für ihn nicht schwierig, sind wir doch die einzigen Weißen, die aus dem Flughafengebäude treten. Unser neuer Begleiter stellt sich als Mr. Ashlesh Sharma vor, aber wir sollen ihn einfach nur Ash nennen. Sofort bei der Begrüßung, empfinden wir große Sympathie für ihn. Wie schon so oft erlebt, entscheiden bei einer neuen Begegnung schon die ersten 30 Sekunden darüber, ob Menschen sich mögen oder nicht. Ash bringt uns zum Auto, der Fahrer und er verstauen unser Gepäck und dann geht’s los. Unser erstes Ziel heute ist der Narmada, ein heiliger Fluss, der sich durch eine Schlucht aus weißen Marmorfelsen schlängelt, die sich bis zu 30 m aus dem Wasser erheben. Während der ersten Etappe erzählt Ash ein bisschen über sich: er lebt in der Nähe von Jaipur, hat eine Frau und zwei Kinder und ist seit 23 Jahren Guide und Naturalist, wie es in Indien heißt. Ein Naturalist ist ein in den Nationalparks ausgebildeter Führer, der spezielle Kenntnisse über die Tier- und Pflanzenwelt hat. Ash kennt sich besonders gut mit Tigern und Vögeln aus und ist ein Fachmann für die ariden Zonen in Indien. Außerdem arbeitet er in zahlreichen Projekten zum Schutz der Natur und der Tiere mit. Zu den günstigen Reisezeiten des Jahres ist er als Tour-Guide unterwegs, während des Monsuns bleibt er zu Hause und muss von dem erwirtschafteten Geld leben. Ashs Englisch hat den typischen „indian slang“, an den wir uns erst einmal gewöhnen müssen. Im Großen und Ganzen verstehen wir ihn aber gut und für fehlende Vokabeln habe ich ein kleines elektronisches Wörterbuch dabei, mit dem man die gesuchten Wörter sehr schnell findet. 

 Nach einer kurzweiligen Fahrt treffen wir auf den Narmada. Er ist einer der heiligen Flüsse Indiens, fließt von Zentralindien in westliche Richtung und mündet in das Arabische Meer, seine Länge beträgt 1310 km. Wir parken und laufen zum Flussufer, vorbei an zahlreichen Marmor bearbeitenden Handwerkern und Händlern, die ihre Murtis (Götterstatuen) und farbiges Pulver feilbieten, es riecht nach abgebranntem Räucherwerk. Auf einer Seite des Weges leuchtet ein knallig orangefarbenes Götterrelief und auf der anderen Seite kennzeichnen, wie überall in Indien üblich, bunte Fahnen den heiligen Ort. Weiter unten am Flussufer sind zahlreiche Inder dabei, rituelle Waschungen durchzuführen, aber auch ihre wunderschöne bunte Kleidung im heiligen Fluss zu waschen und die gewaschenen Tücher auf den Steinen zum Trocknen auszulegen. Wir erreichen den Wasserfall und haben nun Zeit, dem beschaulichen Treiben am Flussufer zu zusehen. Ruhe, Frieden, Kraft und Energie sind an diesem Ort gut spürbar und man versteht den Glauben der Inder, dass der Fluss Mutter und Friedensbringer ist.

Nachdem wir zurück zu unserem Auto gelaufen sind, fahren wir ein kleines Stück flussabwärts, zu einem kleinen Ort, der steil am Ufer des Narmada liegt. Wir steigen die breiten Stufen zum Fluss hinunter, auch hier haben die Händler ihre Buden links und rechts des Weges aufgebaut. Ash handelt den Preis für eine Bootsfahrt aus und kurz darauf sitzen wir schon in einem kleinen Kahn, der von zwei hübschen, jungen Burschen durch die Schlucht gerudert wird. Sanft gleitet das Boot auf dem ruhigen Wasser dahin, hoch oben auf den Marmorfelsen, sehen wir Tempel, vor denen heilige Männer sitzen und unter freiem Himmel meditieren. Wir staunen über die erhabenen Marmorblöcke und lassen uns von unseren beiden Bootsführern erklären, welches Gesicht oder Tier man in den bizarren Gesteinsformationen erkennen kann. Das Finden immer neuer Figuren sei eine Lieblingsbeschäftigung der Einheimischen, erklärt Ash. Erst am Wendepunkt begegnen wir einem uns entgegenkommenden Boot. Auf dem Rückweg entbrennt nach kurzer Zeit ein Wettkampf zwischen den Bootskapitänen, wer kann wohl schneller rudern? Wir verlieren knapp - halb so wild. In Indien geht es nicht darum, erster zu sein, sondern vielmehr darum, spielerische Freude gehabt zu haben. 

Zurück an unserem Auto, machen wir uns nun auf den Weg zu unserem Tagesziel, dem Kanha-Nationalpark. Eine längere Fahrt von ca. 4 Stunden liegt nun vor uns. Es geht durch ländliche Gegenden, Wälder und Reisfelder ziehen an uns vorbei und ein Dorf löst das nächste ab. Sie sehen sich alle recht ähnlich und bestehen aus einer Häuserzeile links und einer rechts der Straße. Kühe, Hunde und Ziegen gehören zum Straßenbild, aber auch freche Affen, die an Autos um Futter betteln und manchmal sogar Essen direkt aus den Händen der Menschen stehlen. Zwischendurch fallen uns beiden die Augen zu, die Zeitumstellung und der wenige Schlaf machen sich nun doch bemerkbar. Am frühen Nachmittag halten wir an einem kleinen Gasthaus, das von Bauern geführt wird, die durch die Verköstigung von Reisenden einen kleinen Nebenerwerb verdienen. Ein Tisch und Stühle werden mitten im Grünen aufgebaut, wir bekommen Dhal (Linsen), Kartoffeln, Reis und Chapati (frisches Fladenbrot) und fühlen uns wie die Götter, schöner könnte es nicht sein: leckeres Essen mitten in einem indischen Bauerngarten, was will man mehr?

Das letzte Stück bis zu unserer Unterkunft nahe des Kanha-Nationalparks schaffen wir in 1,5 Stunden und wir sind froh, als wir uns nach der Ankunft kurz ausruhen können. Am Abend bekommen wir einen ersten Eindruck, wie kühl hier im Nationalpark die Nächte sind. Wir haben uns um 19.30 Uhr mit Ash zum Essen verabredet und schlingen die leckeren Speisen ziemlich schnell hinunter, da das Essen im Freien gekocht und serviert wird, obwohl es höchstens 8 Grad hat. Deshalb verabschieden wir uns bald von Ash und gehen in unser Zimmer, in dem es unwesentlich wärmer ist als draußen. Glücklicherweise hat der fürsorgliche Ash Wärmflaschen bestellt, damit wir es wenigstens im Bett schön warm haben. Bald schon fallen uns die Augen zu und das ist auch gut so, denn morgen früh werden wir um 4.45 Uhr geweckt.

 

4. Tag - Kanha-Nationalpark 

Ash hat uns gestern erklärt, dass man auf Tigersafari nicht nach chemischen Düften wie z.B. Deo oder Aftershave riechen sollte und er meinte wörtlich: „Only go pee and brush teeth!“ Das heißt soviel wie: nur Pipi machen und Zähneputzen ist erlaubt! Wir halten uns natürlich explizit an diese Regel, was uns bei dieser Kälte, aber auch grundsätzlich nicht schwer fällt. Um 5.00 Uhr gibt es am Eingang der Lodge heißen Tee und Kekse. Es hat höchstens 5-6 Grad und uns wird etwas bang, als wir feststellen, dass wir gleich in einem Jeep, der nur eine Frontscheibe hat und ansonsten völlig offen ist, durch das noch dunkle Nationalparkgebiet fahren werden - wir haben keine Handschuhe und nicht einmal eine richtige Mütze dabei. Wir binden uns Schals um den Kopf und sind dankbar für die Decken, die uns der Fahrer gibt. Als es dann endlich los geht und uns der Fahrtwind um die Ohren pfeift, schwöre ich mir, dass ich beim nächsten Gamedrive (=Safarifahrt) alles anziehen werde, was ich dabei habe. Ich kann nicht verstehen, warum Ash nur ein Hemd und eine dünne Jacke anhat und sich auf die Decke setzt anstatt sich in sie einzuhüllen. Abhärtung bringt hier scheinbar einiges oder die Ehre gebietet einem das tapfere Ertragen der Kälte!

Beim Nationalpark-Eingang müssen wir noch warten, es sind schon einige andere Jeeps da, der Fahrer erledigt Papierkram und wir beobachten den langsam anbrechenden Tag. Der Himmel verfärbt sich in ein zartes Rosé, der Nebel hängt über dem Boden und verleiht der Landschaft eine mystische Stimmung. Endlich dürfen wir losfahren, ein Ranger steigt zu und schon nach kurzer Fahrt sehen wir das erste Tier am heutigen Morgen – eine Dschungelkatze. Ash erklärt, dass sie äußerst selten zu sehen sei, er bezeichnet diese erste Sichtung als Glücksfall und gutes Omen für unsere Safari. Die Katze sieht in etwa so aus wie eine europäische Wildkatze und springt in kurzen Sätzen durch das hohe Gras, leider ist es aber noch zu dunkel für ein gutes Foto. Unsere Fahrt geht weiter durch eine atemberaubende Landschaft, Sal- und Bambuswälder wechseln sich ab mit weiten savannenartigen Gebieten, die von Flussläufen durchzogen sind. Wir entdecken eine Menge Pfaue, Languren und viele Axishirsche, die in kleinen Gruppen äsen und sich in der langsam aufgehenden Sonne wärmen. Languren und Axishirsche bilden oftmals eine Zweckgemeinschaft, was die einen bei ihrer Nahrungsaufnahme hoch oben in den Bäumen mehr oder weniger aus Versehen fallen lassen, dient den anderen als abwechslungsreiche Nahrungsergänzung. Ash zeigt uns eine große Anzahl exotischer Vögel, unter anderem „die schwarze Schönheit des Dschungels“, ein auffälliger schwarzer Vogel mit extrem langem Schwanz. Ohne Guide würde man wahrscheinlich kein einziges Tier finden und die äußerst detailreiche Aufklärung über jede Tierart würde ebenso fehlen. Immer wieder bleiben wir stehen, damit unsere Führer den Tierstimmen lauschen können. Sie versuchen, sog. warning calls (= Warnrufe (von Affen oder Hirschen)) auszumachen, die dann ertönen, wenn der Tiger in der Nähe seiner Beutetiere unterwegs ist. Aber heute Morgen ist kein einziger zu hören. Nach der Durchquerung eines Flusslaufs führt uns der Weg eine Anhöhe hinauf und plötzlich bleibt unser Fahrer auf Anweisung des Rangers stehen. Er deutet nach links in die Wiese am Waldrand und ich kann kaum glauben, was ich dort sehe: ein etwa 3 m langer, armdicker, zusammengerollter Python liegt dort und ist dabei sich zu häuten. Es ist schon beeindruckend, ein solches Tier in freier Natur zu sehen und das in nur 1 m Entfernung!

Nach diesem Erlebnis fahren wir zu einem relativ großen Steinhaus, das mitten im Park liegt und als Picknickplatz dient. Alle Leute haben Frühstückspakete dabei. Außer uns sind eine Menge indischer Touristen anwesend, nur wenige Weiße scheinen auf Tigersafari zu sein. Wir lassen uns das mitgebrachte indische Frühstück schmecken (indisches Frühstück ist salzig und reichlich) und teilen es redlich mit Fahrer und Ranger. Der heiße Tee ist uns sehr willkommen, da wir ganz schön durchgefroren sind. Nach kurzem Aufwärmen in der jetzt schon hoch stehenden Sonne geht es weiter durch den Nationalpark, allerdings sehen wir bis zu unserer Rückkehr keine anderen Tierarten mehr. Die Mittagszeit verbringen wir in unserer Lodge. Nach dem Mittagessen genießen wir die warmen Sonnenstrahlen und um 14.30 Uhr treffen wir uns mit unserem Fahrer zu einer weiteren Safariausfahrt. 

Es ist jetzt angenehm warm, aber wir sind schon vorgewarnt worden, dass dies nicht recht lange so bleiben wird. Kaum steht die Sonne schräger, soll es schon wieder frischer werden, dementsprechend haben wir uns genügend Sachen zum Anziehen mitgenommen. Der erste Teil dieser Fahrt verläuft ziemlich erfolglos, was die Sichtung von Tieren betrifft, außer den Fußspuren von Tigern sehen wir nicht viel. Allerdings haben wir nun die Muße die schöne Landschaft zu genießen.

Als die Schatten schon deutlich länger werden, biegt unser Fahrer nach links in einen Weg ab und nach kurzer Zeit stoßen wir auf eine Ansammlung von 6 oder 7 Jeeps, in denen die Leute auf den Sitzen stehen und mit ihren Ferngläsern in das Dickicht spähen. Schnell fahren wir heran und der Fahrer macht sofort den Motor aus. Wir hören die Ranger aufgeregt „tiger, tiger“ flüstern und tatsächlich liegt ein Tiger im Gebüsch. Er ist allerdings sehr schwer zu erkennen, da er in einem dichten Bambusgebüsch Platz genommen hat. Ash entdeckt ihn natürlich sofort und versucht uns zu erklären wo wir genau hin schauen müssen. Wir finden ihn zuerst trotz aller Bemühungen nicht, dann aber bewegt sich etwas, wir entdecken die schwarz-orangen Tigerstreifen – die Katze ist aufgestanden. Mein Herz klopft vor Aufregung schneller und durch das Fernglas blicke ich direkt in ihre wunderschönen Augen. Geistesgegenwärtig fährt unser Fahrer blitzschnell ein Stückchen weiter nach unten und dann staunt selbst Ash nicht schlecht, als dort ein weiterer Tiger im Gebüsch sitzt – direkt vor uns, keine 10 m entfernt. Jetzt sitzen wir in der ersten Reihe! Der Tiger hockt im Gebüsch und bewegt sich nicht von der Stelle und hat uns die ganze Zeit sein Gesicht zugewandt. Wir filmen und fotografieren so gut es eben geht, denn einige Bambusblätter versperren doch ein wenig die freie Sicht. Später erklärt Ash, dass es sehr ungewöhnlich ist, gleich zwei Tiger auf einmal zu sichten, da Tiger ja bekanntlich Einzelgänger sind. Hier kann es sich nur um eine Tigerhochzeit handeln und die Ranger freuen sich darüber, denn so wird es bald noch mehr Tiger im Kanha-Nationalpark geben. Ash ist überglücklich und meint: „Pressure is gone!“ Er möchte damit ausdrücken, dass er nun nicht mehr den Druck hat, eine Tigersichtung herbeizuzaubern. Er weiß aus Erfahrung, wenn es erst einmal mit einer Sichtung geklappt hat, dann kommen weitere wie von selbst. Ohne Druck arbeitet wohl die Intuition besser, die man braucht, um die Tiere zu finden. Bei der Rückfahrt ist die Stimmung ausgesprochen gut, denn zwei Tigersichtungen bei einer Ausfahrt sind schon etwas Besonderes. Übrigens wird jeder Tiger als eigene Sichtung betrachtet. Kurz vor dem Parkeingang sehen wir einen Gaur, ein indisches Wildrind, am Rande des Weges Gras fressen und ganz nah am Tor springen einige Schakale in der Dämmerung davon. Das war in der Tat eine erfolgreiche Ausfahrt!

Durchgefroren kommen wir im Ressort an und wärmen uns bei einer Tasse heißen Tee auf. Es scheint heute Nacht noch kälter zu werden als gestern. Der liebe Ash hat uns einen kleinen Heizlüfter bringen lassen, damit es wenigstens ein bisschen wärmer wird in unserem Zimmer. Dafür hat er in meinen Augen einen Orden verdient!

Abends wird diesmal zum Glück drinnen gegessen, wir unterhalten uns noch länger mit Ash, aber dann treibt uns die Müdigkeit schon wieder Richtung Zimmer. Im Garten der Anlage feiern Inder ein Fest mit Musik und Tanz und ich wundere mich über die indischen Frauen, die in ihren leichten Saris bei dieser Kälte überhaupt keinen verfrorenen Eindruck machen. Ash hat mir erzählt, dass in Indien die Männer das empfindlichere Geschlecht sind. Da scheint etwas dran zu sein. 

Gegen 22 Uhr liegen wir in unseren Betten, die Gott sei Dank wieder mit „hot water bottles“ vorgewärmt sind.

  

5. Tag - Kanah-Nationalpark

Der Tag beginnt genau wie gestern mit einer Tasse Tee um 5.00 Uhr früh und kurz darauf sind wir schon auf dem Weg in den Park. Wir beeilen uns, denn heute ist Wochenende und demnach ist mit erhöhtem Besucherandrang zu rechnen. Tatsächlich ist die Schlange am Eingang heute deutlich länger als gestern. Wir werden von einem Sikh mit imposantem Turban fotografiert, Roland steigt aus um zu filmen. Diese Gelegenheit nutzt der Fotograf sogleich, um ihn anzusprechen: er will wissen, woher er kommt, gibt ihm die Hand und freut sich einfach darüber, einen Fremden getroffen zu haben. Nachdem sich die Tore des Parks geöffnet haben, fahren wir eine alternative Strecke, dies hat den Vorteil, dass wir nicht permanent anderen Jeeps begegnen. Allerdings haben wir diesmal kein Tigerglück, dafür treffen wir auf Schakale, die ein ganzes Stück vor unserem Jeep her galoppieren und schließlich kreuzt noch eine Rotte Wildschweine den Weg. Ansonsten sehen wir die uns schon bekannten Tieren.

Als wir mittags zu unserer Unterkunft zurückkommen überrascht uns Ash damit, dass wir umziehen sollen. Er meint, es sei so wenig los, dass er dem Chef klargemacht habe, dass er uns eine bessere Unterkunft geben soll. Wir ziehen in eine Art Luxuszelt und freuen uns erst einmal darüber. Wir verbringen die freie Zeit damit, Languren zu beobachten, die direkt vor unserem Zelt ihr Mittagessen einnehmen. Sie kommen vom angrenzenden National-Park, sind an Menschen gewöhnt und deshalb wenig scheu. Sie trauen sich wirklich nah heran und bieten gute Fotomotive. 

Die Nachmittagsausfahrt verläuft ähnlich wie die am Vormittag. Da es keine anderen Tiere und auch keine Tigersichtungen gibt, erklärt uns Ash einiges über die hiesige Vogelwelt. 

Abends sitzen wir noch lange zusammen und stellen fest, dass wir mit Ash bezüglich der Weltsicht, der Meinung über Tierschutz und auch in vielen anderen Dingen einer Meinung sind. Unsere Gespräche gehen immer mehr in die Tiefe und auch wenn die Sprachbarriere mit Sicherheit nicht ganz überwunden wird, empfinden wir diesen Austausch als wahre Bereicherung. Später setzt sich der Manager der Lodge zu uns. Er erzählt, dass er ein Opfer des Tigers sei. Nachdem wir etwas ungläubig geschaut haben, sucht er in seinem Handy nach dem Foto des Tigers, der ihn ins Bein gebissen und den Unterschenkelknochen gebrochen hat. Er berichtet weiter, dass er bei einer sog. Elefanten-Show von einem Elefanten gerutscht sei und der Tiger ihn daraufhin angegriffen habe. Er habe den Angriff nur überlebt, weil die Elefanten darauf trainiert sind, einen Menschen, der sich in Gefahr befindet, mit dem Rüssel vom Boden aufzuheben. Ash erklärt uns, dass Elefanten-Shows darin bestehen, dass Mahouts auf vier Elefanten mit zahlenden Touristen auf dem Rücken einen Tiger einkreisen, um schließlich zu ermöglichen, dass diese das bedrängte Tier anschauen und fotografieren können. Eine unglaubliche Verfahrensweise! Weil sich Touristen und auch Inder bei der Regierung immer wieder darüber beschwert haben, gibt es diese Shows im Moment nur noch in zwei Nationalparks. Innerhalb der nächsten sechs Monate sollen diese offiziell ganz abgeschafft werden. Hoffentlich stimmt das auch! 

Die Nacht in unserem Luxuszelt ist weitaus kälter als die Nächte zuvor, das liegt zum einem an der Tatsache, dass ein Zelt schlechter isoliert ist als ein Steinhaus und zum anderen daran, dass es heute nur noch etwa 3 Grad hat.

 

6. Tag - Fahrt zum Banhavgarh-Nationalpark 

Heute stehen wir um 6.15 Uhr auf, ich muss mich unter der Bettdecke anziehen, weil es so saukalt ist. Um 7.00 Uhr machen wir uns auf den Weg Richtung Bandhavgarh-Nationalpark. Etwa 4 Stunden Fahrzeit liegen vor uns. Da wir noch nicht gefrühstückt haben, halten wir unterwegs an einem Teestand, der von sehr armen Leuten betrieben wird. Wir können zusehen, wie ein echter indischer Chai (Gewürztee) zubereitet wird. Zuerst werden Gewürze wie z.B. Nelken, Kardamom und Zimt in einem Mörser zerkleinert, diese werden mit den Teeblättern, Wasser, frischer Kuhmilch und Zucker aufgekocht und schließlich wird das Ganze noch mit geriebenem Ingwer verfeinert. Die Kochstelle befindet sich über offenem Feuer und neben der Teebude stehen aus Holz zusammen gezimmerte Bänke, auf denen man sich das köstliche Gebräu schmecken lassen kann. Noch nie haben wir einen besseren Tee getrunken und dazu lassen wir uns unser mitgebrachtes indisches Frühstück schmecken. Die Fahrt führt nun durch eine wunderschöne ländliche Gegend, Bauern sind bei der Arbeit zu sehen, sie bearbeiten ihre Felder mit dem von Büffeln gezogenen Pflug, während die Bäuerinnen das Saatgut in die neu entstandenen Furchen werfen. Senffelder, die unseren Rapsfeldern sehr ähnlich sehen, erstrecken sich über weite Teile des Landes. Immer wieder sieht man in den Dörfern Menschen, die sich waschen oder die Zähne putzen, Kinder vertreiben sich auf den Wiesen die Zeit mit dem hiesigen Volkssport Kricket oder sitzen zusammen auf dem Boden vor den Häusern und spielen. Jeder geht irgendeiner Beschäftigung nach, es herrscht eine beschauliche Betriebsamkeit, Hektik scheint hier ein Fremdwort zu sein.

Gegen 12 Uhr kommen wir im Tiger Trails Ressort an, das direkt an den Bandhavgarh-Nationalpark grenzt. Es ist ein kleines sehr naturnahes Ressort, mit einem hübschen See und einem Wildlifepfad, den wir natürlich gleich nach unserer Ankunft entlang spazieren. Prompt schrecken wir einen Schakal auf, der sich daraufhin eilig auf und davon macht. Die außergewöhnlichen Pflanzen und Bäume sind allesamt beschriftet, so dass man gleich noch etwas dazu lernen kann. Das Personal der sehr kleinen und familiär geführten Anlage ist so überaus freundlich und das Mittagessen schmeckt so gut, dass ich diese Unterkunft gleich zu meiner Lieblingsunterkunft erkläre. 

Am frühen Nachmittag machen wir uns auf den Weg zur ersten Safarifahrt in Bandhavgarh. Wir fahren, wieder mit dem offenen Jeep, durch zwei kleinere Orte, in denen viele der Angestellten des Parks wohnen, man findet aber auch Geschäfte und Unterkünfte für Touristen. Wie immer belagern Hunde und Kühe die Straßen und nicht selten streckt eine Kuh ihren Kopf in einen Laden oder wird sanft wieder hinaus geschoben, falls sie sich vollständig hinein gewagt hat. Am Nationalpark-Eingang sind wenig Besucher und so müssen wir nicht lang warten, bis es los geht. Dieser Park ist ganz anders als der letzte, die Vegetation ist nicht so dicht, es gibt Berge und Felsen, sandige Wasserläufe und viele unterschiedliche Bäume. Die Anzahl der Besucher ist limitiert und sie werden auf vier verschiedenen Routen verteilt. Somit ist sichergestellt, dass die Jeeps nicht alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein können. Allerdings kann man Pech haben, wenn man immer wieder derselben Route zugeteilt wird, auf der momentan keine Tiger unterwegs sind. Wir sehen Languren, Rotgesichtsmakaken, Axishirsche, ein totes Stachelschwein, aber leider keinen Tiger.

Abends wird es wieder empfindlich kalt und gleich, als wir zurück ins Tiger Trails Resort kommen, setzten wir uns mit Ash auf die nach allen Seiten offene Veranda, die auch als Speisesaal dient und trinken heißen Tee. Der offene Kamin wird eingeheizt und wir unterhalten uns so gut mit Ash, dass wir gleich bis zum Abendessen sitzen bleiben. Er hat mittags schon Blumenkohl-Kartoffel-Pakoras (Fettgebackenes mit Gemüsefüllung) mit Spinat-Knoblauch-Dip in Auftrag gegeben, die wir nun serviert bekommen. Der Koch bringt immer wieder Nachschub, und da Roland und Ash mir weiß gemacht haben, dass dies heute das einzige Essen sein wird, hau ich ordentlich rein. Es gibt auch leckeres Papadam (hauchdünnes Knusperbrot), das ich mir gerne dazu schmecken lasse. Ich gucke ganz schön dumm aus der Wäsche, als plötzlich die Hauptspeise serviert wird. Ash erklärt den Angestellten, warum ich jetzt nur noch eine ganz kleine Portion essen kann und alle lachen sich krumm und bucklig, als ich auch noch den Nachtisch in mich hineinstopfe und sind sich schließlich einig, dass sie mich jetzt in mein Zimmer rollen müssen. Obwohl ich viel zu viel gegessen habe, ist mir nicht schlecht – die indische Küche ist wirklich sehr bekömmlich

Nach diesem lustigen Abend gehe ich mit Fleece, Leggings und Wärmflasche ins Bett, manchmal hat mir Roland seine Wärmflasche gegeben, aber heute will er sie auf jeden Fall selbst benutzen, da es noch kälter geworden ist.

 

7. Tag - Bandhavgarh-Nationalpark

Um 5.15 Uhr werden wir mit Tee geweckt, der uns ins Zimmer gebracht wird, Abfahrt ist um 5.45 Uhr. Wieder fahren wir im Morgengrauen durch einen Nationalpark, dieser hier wirkt um diese Uhrzeit noch ein weniger mystischer als der letzte. Wir nehmen heute eine andere Route, die uns steil die Berge hinauf führt. Da die Wege hier schlechter sind, kommen wir nur langsam voran. Außer ein paar Wildschweinen, einer kleinen Dschungeleule, Axishirschen und Languren sehen wir nicht viel. Nach ca. 1½ Stunden machen wir Pause am Picknickplatz. Hier haben die Bewohner aus den Dörfern einige kleine Verkaufsstände aufgebaut, an denen sie frischen Ingwertee zubereiten, Samosas (gefüllte Teigtaschen) backen, Süßigkeiten, Zigaretten und irgendeine Kaudroge verkaufen. Ash besorgt für uns Tee und Samosas und nach der kleinen Stärkung geht es gleich weiter. Wir erreichen einen Weg, der rund um einen Berg führt. Plötzlich hören wir laut und deutlich warning calls. Sofort bleibt unser Fahrer stehen und macht den Motor aus. Immer, wenn die Rufe der potentiellen Beutetiere der Tiger zu hören sind, kommt eine gewisse adrenalingeladene Stimmung auf. Es ist das Jagdfieber, das sich von unseren Führern auf uns überträgt, auch wenn unsere Jagd zum Glück nur die nach einem guten Foto von einem Wildtier ist. Alle sind ganz still, Ash lauscht und inspiziert die Umgebung mit dem Fernglas, er weiß, wann ein warning call echt ist und wann er nur von einem ebenso ängstlichen anderen potentiellen Tigeropfer beantwortet wird und uns den falschen Weg weisen würde. Ash bestimmt die Richtung, in die wir weiter fahren und tatsächlich ertönen weitere Warnrufe, die jetzt ziemlich aufgeregt klingen. Der Tiger ist mit 100%iger Sicherheit in der Nähe, bloß scheint er sich von uns weg den Berg hinauf zu bewegen. Zuerst ertönen noch einige Warnrufe, aber nach einiger Zeit werden es weniger, bis sie ganz verstummen und uns leider klar wird, dass der Tiger weiter gezogen ist.

Für den Vormittag beenden wir unsere Ausfahrt und kehren zur Lodge zurück, um das opulente Frühstück zu genießen. Wir sitzen in der Sonne und unterhalten uns mit einem Engländer, der sich lustigerweise dafür entschuldigt, dass er letzte Nacht so einen Lärm auf dem Klo gemacht hat – er hat einen schlimmen Durchfall und kann gar nichts von dem leckeren Frühstück essen. Er wohnt in der Hütte neben uns und meint, wir hätten bestimmt wegen seiner lauten Verdauungsgeräusche nicht schlafen können – allerdings haben wir gar nichts davon gehört. Die meiste Zeit aber geht es bei Gesprächen unter Touristen darum, ob man nun den Tiger gesehen hat oder nicht. Er ist der einzige Gast außer uns und er hat bis jetzt leider noch keinen Tiger gesehen. Wir erzählen ihm, dass wir im Kanha-Nationalpark Leute getroffen haben, die schon 9 Gamedrives hinter sich hatten und keinen einzigen Tiger zu Gesicht bekommen haben. Nicht gerade ermutigend, aber Ash meint, dass die Chancen hier in Bandhavgarh besser sind. 

Nach der Frühstückspause steigen wir sofort wieder in den Jeep und machen uns auf den Weg zum alten Fort, das mitten im Nationalpark auf dem höchsten Berg der Gegend liegt. Es ist 1000 Jahre alt und unser Fahrer quält den Jeep eine ebenso alte, von Menschen in den Fels gehauene Straße zu der alten Festung empor. Wir entdecken einige Türme mit wunderschönen Reliefarbeiten. Teilweise nimmt der Urwald wieder Besitz von dem alten Gemäuer, Bäume wachsen auf eingestürzten Mauern und Kletterpflanzen überwuchern die antiken Steine. Ganz oben angekommen steigen wir aus und treffen auf das zentrale Gebäude, einen relativ großen Tempel, in dem heute ein „holy man“ lebt. Ash geleitet uns zum heiligen Mann, Ranger, Fahrer und ein Freund des Fahrers kommen auch mit. Wir müssen unsere Schuhe vor dem Tempel ausziehen, dann werden wir mit vor der Brust gefalteten Händen von dem heiligen Mann begrüßt, erwidern den Gruß und nach einer kleinen Spende bekommen wir alle eine heilige Speise (süße runde Kugeln und Kokosnussschnipsel) zu essen, dann segnet er uns mit dem roten Punkt auf der Stirn, der das 3. Auge symbolisiert und uns Glück, Frieden und Weisheit bringen soll. Man könnte in den Augen des heiligen Mannes versinken, so wissend und freundlich wirken sie. Es ist ein befreiendes Gefühl hier oben, man spürt diese Energie überdeutlich. Ash beschreibt die Wirkung von heiligen Plätzen folgendermaßen: du kannst mit der übelsten Stimmung und den größten Sorgen an einen heiligen Platz kommen, wenn du aber beim heiligen Mann warst und die Energie des Platzes dein Herz befreit hat, gehst Du als ein anderer, als ein befreiter Mensch mit leichtem Herzen in Deinen Alltag zurück. Genau diese friedliche Stimmung breitet sich um uns alle aus und beschert uns eine große Leichtigkeit und ein tiefes Glücksempfinden. Wir schlendern weiter durch die Anlage, entdecken noch das eine oder andere reich verzierte Gebäude und einen großen quadratischen See, der dadurch entstanden ist, dass die Steine zum Bau des Forts hier entnommen wurden. Seither füllt er sich jedes Jahr während des Monsuns mit neuem Regenwasser. Schließlich fahren wir ein Stückchen weiter auf die andere Seite des Berges an ein direkt angrenzendes Hochplateau. Von hier hat man einen wunderbar weiten Blick über das gesamte hügelige Land und kann die Geier beobachten, die hier, die Thermik nutzend, auf Nahrungssuche sind. Gerne wären wir noch etwas länger an diesem wunderschönen Ort geblieben, aber da wir heute noch anderes vorhaben, müssen wir zurück.

Nach dem Mittagessen machen wir uns auf den Weg zu einer weiteren Pirschfahrt. Ash verfolgt den Plan, dass unser Fahrer sich um die gleiche Route von heute Vormittag bemühen soll. Wir wollen dann ziemlich schnell zu dem Punkt fahren, an dem wir den Tiger heute früh schon vermutet haben, um dann genügend Zeit zu haben, auf ihn zu „warten“. Der Plan geht auf, denn als wir an besagtem Punkt ankommen, stehen schon ein paar Jeeps da. Die anderen Touristen zeigen uns, wo sie den Tiger ausgemacht haben. Er liegt etwa 300 m entfernt auf einem Felsvorsprung, räkelt sich, gähnt und putzt sich. Mit dem Fernglas auf dem Überrollbügel des Jeeps stehend kann man ihn recht gut beobachten. Plötzlich streckt sich der Tiger, steht auf und steigt herunter von seinem Felsenbett. Alle sind ganz aufgeregt, denn es könnte ja sein, dass er in unsere Richtung kommt. Motoren werden angelassen, um eventuell der Erste am besten Platz zu sein, falls der Tiger den Weg kreuzt. Aber alles vergebene Mühe, denn kurze Zeit später hören wir ihn brüllen. Er ist etwa 150 m entfernt, aber bewegt sich weiter weg von uns. Ash erklärt, dass es absolut selten ist, dass man einen Tiger brüllen hört, denn Tiger sind normalerweise sehr stille Tiere, die sich niemals durch Geräusche ihrer Beute zu erkennen geben würden. Dieser hier ist ein etwa 1½ jähriges männliches Tier, ein „big baby“, das hungrig ist und nach seiner Mama ruft, aber lernen soll, endlich für sich selbst zu sorgen. Ein Stück weiter des Weges hören wir Warnrufe und sehen Hirsche hektisch davon rennen, leider haben wir keine Zeit mehr zum Warten, denn um 17.30 Uhr schließt der Park seine Pforten und wenn die Führer nicht pünktlich sind, bekommen sie empfindliche Strafen. 

Der Abend dauert heute nur kurz, Ash hat sich mit einem Freund verabredet und wir gehen bald ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen hören wir die Schakale heulen, wir sagen uns, dass es ein schönes Gefühl ist mitten in der Wildnis zu nächtigen und kurze Zeit später fallen uns schon die Augen zu.

 

 8. / 9.Tag - Bandhavgarh-Nationalpark - Zugfahrt nach Agra

Wecken ist um 5.00 Uhr, nach dem Tee machen wir uns erneut auf den Weg in den Park. Bis zur Frühstückspause passiert nichts Außergewöhnliches. Wir haben Dank unseres Fahrers wieder die Route bekommen, auf der wir gestern den Tiger auf dem Felsen liegen gesehen haben. Schnell fahren wir zu der Stelle von gestern und tatsächlich befindet sich dort schon eine Ansammlung von Jeeps. Die Ranger machen aufgeregte Handbewegungen, scheinbar ist der Tiger in unmittelbarer Nähe. Der Fahrer parkt das Auto so gut es geht, denn die anderen Jeeps stehen wild durcheinander. Kurz darauf tritt tatsächlich das Tigermännchen, das wir gestern schon aus der Ferne gesehen haben, aus dem Gebüsch, läuft völlig gelassen mitten durch die parkenden Autos, ignoriert uns alle komplett und schreitet schließlich majestätisch auf die andere Seite des Weges. Das alles passiert in Zeitlupentempo und wir haben genügend Zeit, ihn in Ruhe zu betrachten. Leider stehen die anderen Autos so ungünstig im Weg, dass ich keine wirklich guten Tigeraufnahmen machen kann, selbst auf dem Überrollbügel stehend gelingt es mir nicht. Trotzdem sind wir tief beeindruckt von diesem wunderschönen Tier. Der Tiger geht nun auf ein Gebüsch zu und legt sich dort in den Schatten. Tiger mögen es nicht so gerne warm und da die Sonne schon ziemlich hoch steht, hat er sich wohl dieses kühle Plätzchen ausgesucht. Mit den Ferngläsern beobachten wir ihn noch eine Weile, bis aus einer anderen Richtung plötzlich Warnrufe zu hören sind. Schnell machen wir uns auf den Weg in diese Richtung und es dauert nicht lange, bis der Ranger und Ash die Ursache für die „warning calls“ gefunden haben. Ein weiterer Tiger liegt am Fuße eines Baumes. Im hohen Gras sehen wir einen runden Kopf mit den schwarzen Ohren und dem typischen weißen Punkt hervorspitzeln. Das ist die Schwester des Männchens, das wir vorhin gesehen haben, erklärt der Ranger. Sie halten sich noch beide im Revier der Mutter auf, da die beiden gerade eben entwöhnt sind und den Weg in die Selbständigkeit noch nicht gefunden haben. Lange beobachten wir die Tigerin, sie setzt sich zwischendurch einmal hin, aber die Hoffnung, dass sie ganz aufsteht und vielleicht zum Weg kommt, schwindet schnell, als sie sich zu putzen anfängt. Damit leiten auch Großkatzen, genauso wie ihre domestizierten kleineren Verwandten, häufig eine längere Ruhephase ein und tatsächlich legt sie sich kurz darauf hin und macht nicht den Eindruck, als wolle sie in der nächsten Zeit wieder aufstehen. Wir bleiben bis es Zeit ist zurück zu fahren.

Frühstück gibt es wieder auf der sonnigen Terrasse. Der Engländer und eine sehr nette, auch alleinreisende Engländerin, gesellen sich zu uns. Jeder erzählt von seinen Tigererlebnissen. Die beiden sind gemeinsam auf Tour gewesen und hatten eine Tigersichtung, die „very fast“ war. Der Tiger ist vor dem Jeep aus dem Gebüsch auf die andere Wegseite gesprungen und dabei sind dem Engländer nur zwei Fotos gelungen: eines vom Kopf bis zum Bauch des Tigers und eines vom Bauch bis zum Schwanz. Er meint, dass er zu Hause die beiden Fotos am Computer zusammensetzten muss, damit er wenigstens ein schönes Tigerbild hat.

Nach dem Frühstück haben wir etwas Zeit und laufen durch den Wildlifepark. Unterwegs treffen wir einen der Angestellten, der uns auffordert mitzukommen, er habe am See eine Wasserschlange entdeckt. Tatsächlich finden wir sogar zwei Wasserschlangen, die sich augenscheinlich bei der Paarung befinden. Beim Steg entdecken wir außerdem das Netz einer „giant wood spider“ (Seidenspinne) mit einem wirklich riesigen Exemplar darin. Diese Spinne haben wir schon einige Male bei unseren Ausfahrten gesehen, aber so nah wie hier sind wir ihr bisher noch nicht gekommen.

Beim Nachmittagsgamedrive haben wir nun zum 3. Mal denselben Ranger und unser Fahrer hat es wieder geschafft, für uns die Route zu organisieren, bei der sich die uns schon bekannten Tiger aufhalten. Diesmal fahren wir den Weg in entgegengesetzter Richtung und sind kaum 10 Minuten unterwegs, als wir auf zwei stehende Jeeps stoßen und wieder mit wild fuchtelnden Armen zum Anhalten aufgefordert werden. „Tiger… tigress near in the bushes!“ ruft uns einer der Ranger zu. Schnell den Motor aus, dann mit der Kamera bereit stehen und die Gelegenheit nutzen, um die besten Tigeraufnahmen zu machen, die mir während dieses Urlaubs gelingen sollten. Ich wusste, dass das Universum unsere Wünsche erfüllen würde und uns nun die einmalige Chance bietet, einen Tiger ganz nah und ohne viel störende Leute zu sehen und zu fotografieren. Langsam schleicht die Tigerin durchs Gebüsch. Es ist die Mutter der Tigergeschwister. „She’s hungry she’s looking for something to eat“, flüstert mir Ash ins Ohr. Mein Herz klopft und wieder einmal muss ich mich bemühen, mich aufs Fotografieren zu konzentrieren und nicht durch meine zitternden Hände alle Aufnahmen zu verwackeln. Das Tier kommt immer näher, schaut uns durchs Gebüsch direkt in die Augen, schleicht weiter … “she’s coming …“ sagt Ash leise, der Fahrer wirft den Motor an und parkt unser Auto so, dass wir wieder einmal in der allerersten Reihe sitzen, als die Tigerin auf den Weg kommt. Sie läuft ein wenig hin und ein wenig her, dreht sich einmal um sich selbst, leckt sich an der Schulter und läuft ein ganzes Stück den Weg entlang, kurz verschwindet sie im Gebüsch, um sich dann noch einmal in voller Pracht vor uns auf dem Weg zu präsentieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit entscheidet sie sich nun doch dafür, wieder abseits des Weges ein schattiges Gebüsch aufzusuchen und entschwindet unseren Augen. Diese Sichtung war einmalig - dass wir einen Tiger so nah und so lange sehen werden, hätte ich vorher nie gedacht - Ash bringt es auf den Punkt: „This was close …, a really close sighting!“

Wir sind unglaublich glücklich über dieses wunderschöne Erlebnis und Ashs Worte bewahrheiten sich, dass nach der ersten Sichtung, die Chancen auf mehr und bessere Sichtungen deutlich ansteigen. Und weil eben alles so schön im Fluss ist, begegnen wir an einem Wasserloch noch einer Horde Languren, denen wir beim Sorgen für Nachwuchs, beim Trinken und beim Spielen und Streiten zu sehen können. Scheue Mangusten huschen vorbei und zu guter Letzt treffen wir auf einen Muntjak, der unseren Begleitern Ausrufe des Entzückens entlockt, denn scheinbar ist diese Hirschart sehr scheu und nur selten zu sehen.

Am Ende dieser überaus erfolgreichen Tour bekommen Ranger und Fahrer ein Extratrinkgeld und werden von uns ausführlich für den „great job“, den sie geleistet haben, gelobt. Zurück in der Lodge packen wir unsere Siebensachen zusammen, essen gemeinsam mit der Engländerin und Ash zu Abend und haben danach noch Zeit, uns einen Film über Tiger anzusehen, der im Kanha-Nationalpark gedreht wurde. Außerdem führt uns Ash noch ein Videoclip über eine wirklich böse Tigerattacke vor, die einen dazu veranlassen könnte, sich zu fragen, ob Tigersafaris denn wirklich eine so völlig ungefährliche Sache sind. 

Um 21.00 Uhr müssen wir aufbrechen, unser Fahrer, der uns zum Bahnhof nach Umaria bringen soll, wartet schon. Der Nachtzug nach Agra fährt um 23.45 Uhr. Am Bahnhof liegen viele Inder, die auch auf einen Zug warten, auf Bänken oder auf Matten am Boden und schlafen. Ein sehr nettes und friedliches Bild zeigt sich uns, als wir auf dem Bahnsteig ein paar Inder am Boden schlafend finden, und zwei Straßenhunde sich es, fest an die Menschen gekuschelt, auf deren Decken gemütlich gemacht haben. Während wir auf den Zug warten, erklingt ununterbrochen die Tempelglocke und Ash erklärt, dass das manchmal die ganze Nacht hindurch zu hören ist, denn bestimmte Gebete müssen eine ganze Nacht lang rezitiert werden. Endlich kommt der Zug, jetzt wird es etwas hektisch, denn er hält nur für 2 Minuten. Zum Glück hat Ash aber noch einen Träger organisiert, der uns mit dem Gepäck hilft. Kurze Zeit später haben wir es geschafft, wir sind im richtigen Abteil des fahrenden Zuges und haben jetzt nur noch unsere reservierten Liegeplätze zu suchen. Diese sind natürlich besetzt und wir müssen erst einmal unseren Anspruch darauf geltend machen. Schließlich richten wir uns auf 60 cm x 180 cm häuslich für die Nacht ein. Der Zug ist natürlich mehr als voll besetzt, und da die meisten schon schlafen, ist der Geräuschpegel, der vom Schnarchen vieler Mitreisenden herrührt, nicht unerheblich. Ich stopfe mir Ohropax in die Ohren und verbringe wider Erwarten eine recht angenehme Nacht. Morgens werden wir vom Teemann geweckt, der laut „chai, chai“ rufend alle paar Minuten durch die Gänge geht. Ash kauft Tee und wir packen unser mitgebrachtes Frühstück aus, genauso wie es die anderen Reisenden auch tun. Später unterhalten wir uns mit einem jungen Inder, er will wissen wo wir überall schon gewesen sind und was wir gesehen haben. Das ist mal eine günstige Gelegenheit für Ash, ein bisschen mit den tollen Tigersichtungen anzugeben; er fordert Roland auf, dem jungen Mann das Tigervideo zu zeigen, das er gedreht hat. Wir haben schon gemerkt, dass mit ein wenig Selbstdarstellung hier in Indien nicht gespart wird, aber ehrlich gesagt sind wir ja selbst ganz schön stolz auf die schönen Aufnahmen.

  

9. Tag - Agra

Gegen 12.00 Uhr kommen wir in Agra an, am Bahnhof ist es voll und man spürt die Energie der Großstadt nach den Tagen in der Wildnis überdeutlich. An die vielen Menschen und den unglaublichen Verkehr muss man sich erst wieder gewöhnen. Wir sind mit einem Fahrer verabredet, der uns zu unserer Unterkunft bringt. Kurz waschen und umziehen, dann fahren wir mit Ash in ein kleines gemütliches Restaurant, das wie er sagt eine ausgezeichnete Küche bietet. Wir werden nicht enttäuscht. Da wir gerne scharf essen, probieren wir die frisch aufgeschnittenen Chilis und plötzlich bekommt einer nach dem anderen von uns Schluckauf. Ash meint lachend, dass das ganz normal ist, wenn man etwas gegessen hat, was eine Note zu scharf war. Und ich erinnere mich, dass ich unterwegs schon häufiger hicksende Leute gesehen habe. Ash bestellt sich heute Hühnchen. Wir schauen etwas ungläubig, denn bisher ernährte er sich - wie fast alle Inder - ausschließlich vegetarisch. Er schmunzelt und meint, dass er das manchmal heimlich isst, wenn er unterwegs ist und sagt wörtlich: „If my wife would know this, she would kick me out!“ 

Nach dem vorzüglichen Mal fahren wir zum Fort Agra. Für den Nachmittag haben wir einen eigenen Stadtführer, der uns auch das Taj Mahal zeigen wird. Das Fort ist ca. 2,5 km lang und 1,5 km breit, besichtigen kann man ungefähr 25% davon, der Rest wird vom Militär genutzt. Das Fort liegt am Fluss Jamuna, gilt als eine der schönsten Festungen Indiens und beeindruckt durch seine sandsteinroten Mauern. Es wurde 1565-1573 von Akbar erbaut und weist sowohl Hindu- als auch muslimische Architektur auf. Es ist kaum zu glauben, wie bereits vor einem halben Jahrtausend geschickte Handwerker und findige Architekten verschiedenste Kühlsysteme auszunutzen wussten, z.B. kühlten Springbrunnen die Luft, hohle Marmorsteine wurden mit kaltem Wasser gefüllt und leicht gewinkelte Gänge sorgten dafür, dass der Wind nicht mitten durch den Raum pfiff. Von einigen Stellen hat man einen sensationellen Blick auf das Taj Mahal. Überall betteln Rotgesichtsmakaken um Futter, sie sitzen sogar auf dem riesigen hölzernen Eingangstor der Festung.

Nach der ausführlichen Besichtigung des Forts fahren wir zum Taj Mahal. Ash hat es extra so eingerichtet, dass wir es erst bei tiefstehender Sonne besichtigen, da es dann viel schöner im Licht ist und das natürlich wichtig für gute Aufnahmen ist. Das Taj Mahal wurde von Shah Jahan erbaut, nachdem seine geliebte Gemahlin, Gefährtin und Beraterin Mumtaz nach der Geburt ihres 14. Kindes gestorben ist. Er versuchte seinem Schmerz zu begegnen, indem er dieses gigantische Mausoleum erbauen ließ. Es wurde 1652 fertig gestellt, nachdem 20.000 Arbeiter über 22 Jahre daran beschäftigt waren. Den Arbeitern wurden nach der Vollendung des Werkes die Arme abgeschlagen, damit sie nichts Vergleichbares mehr schaffen konnte. Das Gebäude ist absolut symmetrisch konstruiert und besteht aus weißem Marmor, mit wunderschön herausgearbeiteten Reliefs und eindrucksvollen Einlegearbeiten aus Halbedelsteinen. Die gesamte Anlage wurden nach Fertigstellung des eigentlichen Mausoleums durch die davor liegenden Gärten und durch das in der Mitte liegende lange Wasserbecken, sowie das davor liegende Gebäude mit dem großen Durchgangstor noch besser in Szene gesetzt. Ein wunderschöner Ort, der ahnen lässt wie groß die Liebe des Shah Jahan gewesen sein muss.

Gegen Abend kommen wir zum Hotel zurück, essen nur eine Kleinigkeit auf dem Zimmer und gehen wie immer früh ins Bett, denn morgen haben wir eine 9-stündige Fahrt vor uns; Ziel ist der am Fuße des Himalaja liegende Corbett-Nationalpark.

  

10. Tag - Fahrt zum Corbett-Nationalpark 

Wecken ist heute um 6.00 Uhr, Abfahrt um 7.00 Uhr. Nachdem wir das betriebsame Agra verlassen haben, benutzen wir eine Abkürzung, die, wie unser Fahrer erzählt, erst seit kurzem befahrbar ist und uns durch das absolute Hinterland führt. Die Strecke ist äußerst malerisch und wir kommen durch winzige Dörfer, in denen die Menschen noch leben wie vor 100 Jahren. Sehr auffällig ist, dass hier alles sehr gepflegt wirkt und nicht das geringste Fitzelchen Müll herum liegt. Die Menschen halten viele Büffel als Zug- und Arbeitstiere, und häufig sieht man, dass in der kalten Morgenluft eher einem jungen Büffel eine Decke übergelegt wurde, als dass sich die Menschen selbst eine übergelegt hätten. Mit ihren Tieren gehen die Inder wahrlich sorgsam um! Nach etwa 2 Stunden Fahrt sind wir auf einer breiteren Straße angelangt, die den Namen Highway nicht wirklich verdient hat, aber offiziell als Autobahn bezeichnet wird. Auf dieser Strecke darf man deutlich schneller fahren, allerdings sollte man bei den Überholmanövern besser nicht hinschauen, denn es könnte einem angst und bange werden. Es wird nicht nur recht knapp überholt, sondern auch, wenn eigentlich gar kein Platz dafür da ist, weil z.B. Fußgänger, Mopeds, Fahrradrikschas oder Büffelkarren, die alle auch auf der Autobahn fahren (dürfen?), den Weg blockieren. Von Geisterfahrern über Jogger bis zu einem Reifewechsel auf der Überholspur haben wir fast alles gesehen. Traktoren fahren mit Ladungen so groß wie eine Fertiggarage, Kühe liegen auf dem Mittelstreifen, Hunde kreuzen die Fahrbahn und unvermittelt geht die Autobahn plötzlich in eine Stadt über und man steht wieder für eine halbe Stunde im Stau.

An einer der zahlreichen Teebuden am Straßenrand legen wir eine Pause ein. Wir werden freundlich begrüßt und während der Tee von einem der beiden Budenbesitzer zubereitet wird, entdecken wir eine ganz kleine schwarze Ziege, die vor dem Teeladen liegt und ein Nickerchen macht. Als sie uns bemerkt, steht sie auf und kommt voller Vertrauen zu uns her und lässt sich streicheln. Ash amüsiert sich über das hübsche Halsband aus Holzkugeln, das sie trägt. Einer der Männer beginnt plötzlich eine Babyflasche herzurichten, die er halb mit Milch und halb mit Wasser füllt. Er gibt der kleinen Ziege die Flasche, die diese äußerst gierig in Rekordzeit leer trinkt und schließlich erzählt er uns, dass die Mutter des Zickleins gestorben ist und er es jeden Tag mit zur Arbeit nimmt, um es regelmäßig füttern zu können, damit das kleine Tier nicht verhungert.

Einige Kilometer weiter fahren wir über den heiligen Ganges und sehen die riesigen Feuer der Leichenverbrennungen flackern. Ash erzählt über die Rituale der Hindus, die im Zusammenhang mit dem Tod stehen. Wird z.B. ein Toter weit entfernt des Ganges verbrannt, ist es eine wichtige Aufgabe der Angehörigen, die Asche des Verstorbenen zum heiligen Fluss zu bringen. Oft wird die Asche in einem kleinen Holzkästchen transportiert, und sollte eine Zugfahrt nötig sein, wird für den Verstorbenen auch eine Fahrkarte gelöst und das Kästchen wird auf den Zugsitz gestellt und wie ein lebender Fahrgast behandelt. Ist das Ziel erreicht, wird die Asche dem heiligen Fluss übergeben und der Tote hat somit eventuell die Möglichkeit dem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburten zu entgehen. 

Die lange Autofahrt wird immer wieder von Teepausen und kleine Snacks unterbrochen, die Ash in den Garküchen am Straßenrand kauft. Langweilig wird uns nicht, denn wir kommen immer häufiger durch Städte und Dörfer, durch die es nur recht langsam voran geht, da unglaublich viel Verkehr herrscht und so haben wir Zeit zum Schauen und Fotografieren. Wir sehen Handwerker bei der Arbeit, Obst- und Gemüsehändler, Fahrradwerkstätten, den Barbier beim Rasieren eines Kunden, Leute, die Baumwolle verarbeiten und Menschen über Menschen, die auf voll beladenen Fahrzeugen noch einen Platz ergattert haben und alle irgendwohin zu wollen scheinen.

Auf den letzten Kilometern zum Ziel steigt die Straße deutlich an und die Vegetation ändert sich zunehmend. Riesige Laubbäume säumen die Straße und im Hintergrund sind die Ausläufer des Himalajas zu sehen. Die Sonne verabschiedet sich gerade und taucht alles in ein diffuses Licht. Wir verbringen diese Nacht noch außerhalb des Corbett-Parks, im Corbett Hideaway, einer idyllischen Anlage, die sehr schön direkt an einem Fluss gelegen ist.

  

11. Tag - Corbett-Nationalpark

Heute werden wir erst um 8.00 Uhr von unserem Fahrer abgeholt. Wir sind etwas überrascht, dass wir die Fahrt im offenen Jeep bestreiten werden und entsprechend unpassend sind wir gekleidet. Da es aber nicht ganz so früh am Morgen ist, kann man die Temperaturen gerade eben so aushalten. Nach einer Viertel Stunde Fahrt kommen wir zum Eingang des Nationalparks. Im Souvenir-Shop entdecken wir ein Poster des Swamis, den wir am Anfang unserer Reise im Flugzeug getroffen haben. Wir lassen uns seinen Namen aufschreiben, damit wir ihn nicht vergessen haben, bis wir wieder zu Hause sind. Eine Fahrt von etwa 2,5 Stunden liegt nun vor uns, denn das staatlich geführte Camp Dhikala liegt mitten im Corbett-Park. Unterwegs bekommen wir einen ersten Eindruck der Gegend und überqueren immer wieder riesige Geröllflächen aus großen, rundgeschliffenen Kieselsteinen, die einen Hinweis auf die Mächtigkeit der Sturzbäche während der Monsunzeit geben. Der Weg steigt kontinuierlich an und führt uns über einige wackelige Brücken, die nicht gerade den vertrauenerweckendsten Eindruck machen.  

Der Urwald erscheint dicht und undurchdringlich, so dass man nicht damit rechnen kann, hier viele Tiere zusehen. Tatsächlich erzählt Ash, dass die Chancen im Corbett-Park einen Tiger zu sehen, viel geringer sind, als in den Parks, in denen wir bisher waren. Wir biegen nun an einem Schild ab, auf dem „Crocodilepoint“ geschrieben steht, und gelangen zu einer Aussichtsplattform, die sich etwa 100 Meter über dem Fluss befindet. Der Fluss ist der Ramganga, erklärt Ash, ein aus dem Himalaja kommender Zufluss des Ganges. Im Wasser und teilweise auch am Ufer tummeln sich 6 Gaviale, eine Unterart der Krokodile, die ein ganz lang gezogenes, schmales Maul haben. Ein Männchen, das Ash auf ca. 7 m Länge schätzt, wärmt sich auf einer Sandbank in der nun langsam höher stehenden Sonne. Außerdem sieht man im glasklaren, helltürkisen Wasser riesige Fische schwimmen, die es – laut Ash - leicht auf 20 kg bringen. Auch kleinere Fische schießen in großen Schwärmen durchs Wasser, aber der Fischadler, der in einem Baum am Ufer sitzend auf Beute lauert, bleibt von ihnen unbemerkt.

Gegen 11.00 Uhr kommen wir im Camp an und beziehen unser spartanisches Zimmer. In einer Ecke des Raumes steht ein vorsintflutliches Modell eines Kühlaggregats und wir sind uns einig, dass uns ein Heizofen lieber wäre. Die Eingangstür des Zimmers wird mit einem riesigen altertümlichen Riegel verschlossen und wir werden angehalten, diesen auch zu benutzen, da im Camp große Horden Makaken leben, die gelernt haben, Türen aufzumachen, um in den Zimmern nach Essbarem zu suchen. Im Camp sind viele junge, sehr westlich eingestellte Inder, die durch spacige Sonnenbrillen, tragbare CD-Player und coole Piratenkopftücher auffallen. Wir kommen dazu, als sie gerade Ash in Beschlag genommen haben und von ihm alles über Tiger wissen wollen. Später gesteht Ash, dass er auf solche Typen nicht gerade abfährt, aber dass er gut findet, dass immer mehr junge Leute beginnen, sich für die Natur zu interessieren, seitdem sie bemerkt haben, dass der Schwund der letzten Paradiese auf unserer Erde immer größer wird. 

Das Mittagessen in diesem Camp, in dem man sich fast ein bisschen wie in einer Jugendherberge vorkommt, wird in einer Art Kantine ausgegeben, in der man den Köchen bei der Zubereitung des Essens zuschauen kann. Es schmeckt hier allerdings nicht wie in einer Jugendherberge, denn die Speisen sind ganz frisch und äußerst delikat.

Nachmittags gegen 14.00 Uhr machen wir uns auf den Weg zu einer ersten Ausfahrt. Das Camp liegt auf einer weiten Fläche mit übermannshohem Gras, die vom Ramganga durchschnitten wird und von kleinen Feldwegen durchzogen ist. Auf einem diese Wege stehen wir nun und sind wieder einmal ganz aufgeregt, denn keine 5 Minuten nach Fahrtbeginn hat ein Tiger ganz schnell den Weg gekreuzt und ist im hohen Gras verschwunden. Die Hoffnung, dass der Tiger noch einmal auftaucht, geben wir aber schnell wieder auf, die Versteckmöglichkeiten sind hier einfach zu gut. Unser Weg führt uns weiter in Richtung eines Stausees, der zu Energiegewinnung dient und einer großen Anzahl von Wasservögeln Brutplätze und Fischgründe bietet. Eine riesige Herde Axishirsche, etwa 300-400 Tiere, grast in der Nähe des Sees. Außerdem sehen wir Barasinghahirsche, scheue Mangusten, die eilig den Weg kreuzen und Wildschweine, die im sprichwörtlichen Schweinsgalopp einer für uns nicht ersichtlichen Gefahr entkommen wollen. Von einem etwa 20 m hohen Aussichtsturm können wir eine wilde Elefantenherde beobachten, die scheinbar gerade vom Baden kommt, da die untere Hälfte der Tiere dunkler ist als die obere. 

Nach der Rückkehr ins Camp gibt es erst einmal heißen Tee zum Aufwärmen, nach dem Abendessen begeben wir uns bald ins Bett, denn es ist saukalt und in staatlich geführten Unterkünften gibt es keine Wärmflaschen, so muss man sich eben mit zwei Paar Socken übereinander, Leggings und mehreren Pullis behelfen.

  

12. Tag - Corbett-Nationalpark

Ausgemacht für heute war: Aufstehen 5.45 Uhr und 6.00 Uhr Tee im Zimmer. Der Tee kam allerdings schon vor dem Aufstehen. Egal! Um 6.30 Uhr starten wir zu einer erneuten Pirschfahrt. Nach 1 Stunde erfolglosem Umherfahren – außer Tigerspuren haben wir nichts gesehen - ist die trockene Bemerkung von Ash, sinngemäß übersetzt: Schaut den schönen Nebel an, das erfolgreichste Ereignis dieses Morgens! Wir finden aber, dass die mystische Stimmung, die der Bodennebel und das warme Morgenlicht zaubern, auch ohne den Anblick von wilden Tieren sehenswert ist. Als wir zum Stausee kommen, ist ein Riesenschwarm von Kormoranen bei der Fischjagd. Sie treiben gemeinsam, flach über das Wasser fliegend, die Fische in seichtes Gewässer, und tauchen dort nach ihnen. Wir beobachten sie einige Minuten lang, bis ein Kormoran einen Aal erbeutet hat, zwei andere Vögel sind sofort bei ihm und wollen ihm die Beute streitig machen. Aber wie es im Leben nun mal so ist, wenn drei sich streiten, freut sich der Vierte: ein Seeadler fliegt im eleganten Gleitflug über das Wasser, packt den Aal mit seinen Fängen, landete am Ufer auf einem abgestorbenen Baumstumpf und frisst ihn dort genüsslich auf. Als wir schon auf dem Rückweg zum Frühstücken sind, haben wir doch noch Glück und entdecken fünf Schweinshirsche, die Hirschart, die von unserer Liste noch gefehlt hat.

Nach dem Frühstück wollten wir eigentlich zum Aussichtsturm, aber Ash meint, wir sollen erst noch einmal zu den Tigerspuren von heute früh fahren, da er glaubt, dass der Tiger noch nicht weiter gezogen ist und die Chance besteht, dass wir ihn vielleicht doch noch entdecken können. Tatsächlich treffen wir in der Nähe der Fußspuren, auf das Auto der Jungs, die wir gestern kennen gelernt haben. Sie sind ohne Ranger unterwegs, sind eigentlich auf dem Weg zum Auschecken und haben doch tatsächlich auf eigene Faust den Tiger gefunden. Der liegt zwar tief und fest schlafend etwa 20 m im Gebüsch, aber immerhin – eine weitere Sichtung! Tiger sind – wie die meisten Katzen - faul, sie verschlafen etwa 18 Stunden des Tages und so besteht wohl kaum die Chance, dass dieser sich uns noch aufrecht präsentieren wird. 

Zurück im Camp beobachten wir vor dem Lunch die Makaken. Dieser sehr sozialen Affenart könnte man stundenlang beim Lausen, Spielen und Faulenzen zusehen. Die Kleinen scheinen recht früh selbständig zu sein, sind meist als Kindergarten unterwegs und haben die höchste Freude, wenn sie von einer ca. 50 cm hohen Mauer in die Krone einer kleinen sich am Boden befindenden Pflanze springen können, am besten dann, wenn dort schon einer sitzt. 

Nach dem Mittagessen geht es zum letzten Gamedrive dieser Reise. Wir finden in der Nähe des Flusses zwei Fischeulen, die für uns relativ gut zu sehen in einem Baum sitzen. Die Größe dieser Tiere ist erstaunlich, kein Wunder, dass sie bis zu 1,5 kg schwere Fische erbeuten können. Einem prachtvollen Sambarhirschen begegnen wir im Wald, der sich für ein schönes Foto extra positioniert zu haben scheint. Außerdem beobachten wir einen großen Elefantenbullen mit riesigen Stoßzähnen, der sich auf der anderen Seite des Flusses befindet. Der sehr scheue Muntjak lässt sich gleich mehrmals am Wegesrand sehen und Ash erklärt uns, dass er das nur macht, weil es hier wichtige Mineralstoffe gibt, die er nur in diesem Boden findet. Wir fahren zu einem Platz, an dem man den ungeheuren Artenreichtum der hiesigen Vogelwelt sehr gut beobachten kann und freuen uns über die zahlreichen unterschiedlichen Piepmätze, die wir hier zu sehen bekommen. Unser Ranger zeigt uns die bis zu 4 m hohen Marihuanapflanzen, die überall wild wachsen und Ash erzählt, dass das Drogenproblem in Indien, vor allem bei den Armen, kein geringes Problem darstellt. 

Nach unserer letzten Ausfahrt essen wir zu Abend und unterhalten uns noch ein wenig mit Ash, bevor wir unsere letzte Nacht im Dschungel verbringen.

  

13.Tag - Corbett-Nationalpark - Rückfahrt nach Delhi 

Heute müssen wir um 6.30 Uhr am Treffpunkt für den Elefantenausritt sein. Vier Elefanten begrüßen uns, und bevor wir auf einen von ihnen aufsteigen, gehen wir erst einmal auf Tuchfühlung und lassen uns von seinem langen Rüssel beschnuppern und streicheln ihn. Über eine Treppe, die auf Höhe des Elefantenrückens endet, steigen wir auf das Holzgestell, das auf dem Rücken des Tieres festgebunden ist. Außer uns und Ash ist noch ein indischer Tourist dabei. Der Mahout sitzt im Nacken des Elefanten, seine Beine sind mit einer dicken Decke zugedeckt und unten schauen nur seine strumpfsockigen Füße heraus, die das Tier sanft hinter den Ohren dirigieren. Langsam setzt sich der Koloss in Bewegung. Sanft schaukelnd trägt uns der Graue in den Sonnenaufgang hinein. Wir sind uns einig, dass es keine bessere Fortbewegungsart gibt als diese, um den indischen Dschungel zu erkunden. Quer durch den Wald trägt uns der Elefant und beweist wie geschickt er darin ist, steil bergab zu gehen, umgestürzte Bäume zu übersteigen oder im Weg stehendes Buschwerk auf Kommando seines Mahouts niederzutreten. Zwischendurch pflückt er sich immer wieder ein Maul voll Blätter und kaut zufrieden vor sich hin. 2 Stunden trägt uns das Tier durch eigentlich undurchdringlichen Dschungel, durch hohe Wiesen und einsame Landschaft, die sich in der aufgehenden Sonne mit morgendlichem Tau an Pflanzen und Gräsern von ihrer schönsten Seite zeigt – ein meditativer Spaziergang, der es in sich hat – selten habe ich eine nähere Verbindung mit der Schöpfung empfunden!

Glücklich kommen wir von diesem einmaligen Ausflug zurück, genießen noch ein leckeres Frühstück und brechen schließlich auf, um die letzte Etappe unserer Reise anzutreten – die 7-stündige Rückfahrt nach Delhi. Nach dem Verlassen des Corbett-Parks wechseln wir vom offenen Jeep in einen komfortableren City-Jeep und fahren die gleiche Strecke zurück, die wir hergekommen sind. Mittags genehmigen wir uns in einer Tankstelle ein vollwertiges Mittagessen aus Reis, Dhal, Matar Paneer (indischer Käse in Tomatensoße), Chapatis, rohem Gemüse und anschließend Tee und sind überrascht, wie gut man selbst in einer schäbigen Tanke essen kann und dabei für vier Personen umgerechnet nur 1,75 Euro zahlt. Als wir an der Teebude mit der kleinen Ziege vorbeikommen, erkennt uns der Inhaber wieder und winkt. Die Fahrt zurück dauert länger als erwartet, da wir vor Delhi ewig im Stau stehen. Wir vertreiben uns die Zeit damit, die Menschen auf den Straßen und in den Autos zu beobachten und lachen sehr, als wir einen LKW-Fahrer, der schräg hinter einem Lastwagen mit Zuckerrohr steht, dabei beobachten, wie er sich eine der Stangen durch das Seitenfenster hindurch stibitzt und danach genüsslich darauf herumkaut. Wir lachen viel, erzählen uns Geschichten und eine leichte Wehmut kommt auf, da wir ja schon ans Abschiednehmen denken müssen. Ash bittet uns, ihm die Tigervideos und Fotos zu schicken, wenn wir wieder zu Hause sind und versichert uns, dass wir jederzeit mit ihm eine Reise planen können, ohne ein Reisebüro als Zwischenhändler einschalten zu müssen. Im Hotel in Delhi angekommen, verabschieden wir uns bald, damit nicht noch größere Wehmut aufkommt. Man wächst während einer solchen Reise schnell zusammen, da man so viel Schönes gemeinsam erlebt und viel Zeit miteinander verbracht hat. 

Im Hotel richten wir unser Gepäck flugtauglich her, essen noch eine Kleinigkeit und verbringen unsere letzte Nacht in Indien.

 

14. Tag - Heimflug

Um 5.30 Uhr stehen wir auf und um 6.30 Uhr werden wir von einem Taxi abgeholt. Bei der Fahrt zum Flughafen entdecken wir, an einer Ampel stehend, eine Bettlerfamilie. Ein Mann schiebt eine Frau mit einem Säugling auf dem Arm auf einem Rollbrett vor sich her. Die freie Hand der Frau ist mit ihrem Pulli unten zugebunden – sieht aus, als hätte sie keine Hand mehr. Als sie aber eine bettelnde Handbewegung macht, ist deutlich zu sehen, dass sich unter dem zusammengebundenen Pullover eine Hand mit Handgelenk befindet. Wie erfolgreich mag wohl der Arbeitstag dieser Familie sein? Auch das gibt es in Indien, Betteln ist hier ein Beruf. Am Flughafen geht das Einchecken recht flott, nur bei der Sicherheitskontrolle dauert es wegen Kamera und Laptop ewig. Beim Warten aufs Einsteigen sehen wir wieder viele Landesgenossen, Männer in kurzen Hosen und Schlappen, aufgetakelte Frauen mit offenherzigen Ausschnitten, Menschen, die einem die eigene Nationalität peinlich sein lassen. Im Flugzeug lernen wir ein österreichisches Paar kennen, die eine klassische Indienpauschalreise mit dem Bus gemacht haben und hören Geschichten von Bettlern und Händlern, die die Reisegruppe beim Aussteigen aus dem Bus regelrecht überfallen haben. So etwas haben wir nicht ein einziges Mal erlebt, was vielleicht daran liegen mag, dass wir im PKW und nur zu zweit unterwegs waren.

Gegen 13.30 Uhr landet unsere Maschine am Flughafen München, es hat 5 Grad und Nebel – wir sind zurück in Deutschland! Das Flughafentaxi, das uns nach Hause bringen soll, wartet schon und um 15.30 Uhr werden wir zu Hause wieder einmal von der weltbesten Haus-, Hof- und Hundesitterin, meiner Mama, mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen empfangen.

 

Diese Reise haben wir über www.fauna-reisen.de gebucht

 

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